Was sind Faszien eigentlich genau?

 



WAS STECKT NUN HINTER DEN GEHYPTEN FASZIEN?

Häufig fällt mir auf, dass es für viele nicht ganz klar ist, was Faszien überhaupt sind. Assoziationen mit Muskeln oder Sehnen bestehen, manchmal höre ich den Begriff Hülle. 

Das alles ist richtig und trotzdem ist immer ein dickes Fragezeichen in den Gesichtern der Kursteilnehmer, wenn sie auf meine Frage: “Weiß jemand was Faszien sind?” die Antwort geben: “Muskeln?” “Sehnen”? Bindegewebe???”

Das liegt wahrscheinlich daran, dass es mit der Definition nicht ganz so einfach ist. In der Wissenschaft gibt es dazu auch unterschiedliche Aussagen. In dem Beitrag: 3D-Faszientraining - You will love it! erfährst du schon einmal im Ansatz, was Faszien sind. Auch hier fällt der Begriff Hülle.

In diesem Blogbeitrag möchte ich ein wenig mehr Licht ins Dunkle (in die Faszien) bringen. Deshalb starten wir direkt!



WAS SIND FASZIEN?

Die Faszien – unser Netzwerk

Anders als beispielsweise Muskeln, die einen exakten Ursprung und einen Ansatz haben, sprechen wir bei Faszien von einem ganzen Netzwerk, das unseren gesamten Körper durchzieht. Und genau das macht es nicht easy, die Faszien zu definieren. 

Organe sind manchmal so eng mit den Faszien umhüllt, weshalb hier oftmals keine klare Definition möglich ist. 

Gleiche Strukturen werden teilweise als Sehnenplatten (Bsp.: Tractus iliotibialis) oder als Faszie (Fascia iliotibialis) definiert.

So ist nichts falsch, macht aber erkennbar, dass Faszien den Körper durchziehen, in Strukturen übergehen und somit fließend sind. Die Definitionen in der Literatur sind grundsätzlich nicht eindeutig. 

 

Definition: Faszien

Zunächst einmal sind Faszien von Wasser umgebene Fasern. Häufig werden sie auch synonym zum Begriff „Bindegewebe“ verwendet. Jedoch wurde festgestellt, dass die Faszien viel mehr können als der Name Bindegewebe (also verbinden) vermuten lässt. Damals wurde das Bindegewebe gerade einmal als Stütz- und Füllstoff abgetan.

Der Begriff Faszie kommt aus dem lateinischen “fascia” und heißt soviel wie “Band”, “Bandage”, “Binde”.

Wenn man es ganz genau nimmt, sind auch Knochen, Knorpel und sogar Blut Faszien, weil sie aus dem Mesenchym (Gewebe, aus dem u.a. Bindegewebe und Blut entstehen) in der Embryonalentwicklung kommen.

Auf dem Fascia Research Kongress (2007) in Vancouver haben sich Faszien-Forscher zusammengesetzt und einen Faszienbegriff definiert. Da geht es zusammengefasst um das “Weiße” in unserem Körper, wie bei der Apfelsine oder beim Fleisch. Es geht dabei um “die Faszien”, die die Muskeln umgeben und um das tiefer liegende Bindegewebe.

Auf diesem Blog orientiere ich mich an dieser Definition.

Die Faszien oder die Faszie – Singular oder Plural?

Wir sprechen, lesen oder hören meist von „den Faszien“. Genau genommen können wir auch von „der Faszie“ sprechen, denn es ist ein komplettes Netzwerk. Um es einheitlicher zu halten, bleiben wir bei dem Begriff: die Faszien. Das Fasernetz verläuft oberflächlich und in der Tiefe. Es gibt nicht nur eine lineare Verbindung.

 

OPTIK DER FASZIEN

Grapefruit, Apfelsine, Pampelmuse & Fleisch

…haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander am Hut. 

Wenn man genau hinschaut, stimmt das nicht wirklich. Worauf ich hinaus möchte, ist die weiße Hülle. Die weiße Konsistenz, die wir vor dem Verspeisen meist entfernen. 

Faszien umhüllen wie ein weißes, faseriges Spinnennetz Organe, Muskeln und Knochen. Sie grenzen sie voneinander ab, geben ihnen Stabilität und sind trotzdem flexibel. 

Beim Schneiden der Orange erkennen wir, dass eine derbere weiße Schicht unter der Orangenschale ersichtlich ist. Das Fruchtfleisch ist in einzelne Septen voneinander getrennt.

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So können wir uns vorstellen, wie die Faszien unsere Muskeln einbetten. Der ganze Muskel, die einzelnen Muskelbündel und sogar jede einzelne Muskelfaser werden von den Faszien umhüllt. 

Wir sehen bei den einzelnen Lebensmitteln jedoch auch, dass das Weiße nicht nur umhüllt, es durchzieht es auch - die Orange hat Maserungen, das Fleisch ist marmoriert. Dementsprechend können wir uns vorstellen, dass die Faszien in unserem Körper nicht nur umhüllen, sie fließen wie ein Netzwerk durch unseren gesamten Körper.

Faszien – die schillernde Schönheit

Frische Faszien, die man beispielsweise während einer Operation sehen kann, sehen wunderschön aus. Sie sind weiß, leicht durchsichtig, manchmal gräulich oder rosa und schillernd. Faszien sind geschmeidig, flexibel und feucht.

Bei Kadavern sind sie weniger schön und wirken klebrig, scheinbar strukturlos und weiß.


Faszien sind wie ein Fischernetz

....nur nicht so unregelmäßig!

Das Fasziennetz ist in einigen Stellen im Körper lockerer, in anderen fester gestrickt. Dieses Netz ist trotz einer hohen Elastizität sehr zug- und reißfest. 

Jugendliche Faszien haben eine regelmäßige Wellung und eine Scherengitterstruktur. Die Wellung wird bei älteren Menschen flacher. Das ist u.a. an einem deutlich hölzernen Gang ersichtlich. Je kräftiger die Wellen sind, desto elastischer ist der Gang.

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UND NUN ETWAS GENAUER - AUFBAU DER FASZIEN

Das Fasziengewebe besteht aus einer Eiweiß-Wasser-Verbindung.

Die beiden Eiweiß-Bausubstanzen Kollagen- und Elastinfasern sind in ihrem Aufbau sehr unterschiedlich. 

Beide sind in einer wässrigen Grundsubstanz eingebettet.

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Kollagenfasern

sind sehr feste Fasern, die trotzdem leicht dehnbar sind. Sie lassen unser Gewebe nach einer Dehnung wieder in die ursprüngliche Ausgangsposition zurück gleiten. 

Kollagenfasern sind – trotz der elastischen Eigenschaften – extrem reißfest. Laut Dr. Schleip ist die Zugfestigkeit höher als die von Stahl.

Kollagenfasern geben uns Menschen unsere Form. Deshalb werden sie auch Struktur- oder Gerüsteiweiße genannt. 

Elastinfasern

Ein weiteres Struktureiweiß in den Faszien ist das Elastin. Wie der Name schon sagt, ist Elastin elastisch. Es lässt eine geschmeidige Dehnung zu und speichert die dadurch freigesetzte Energie, wenn die Dehnung weniger wird. Elastinfasern können sich auf die zweifache Länge ausdehnen. 

Fibroblasten = Bindegwebeszellen

Die Kollagen- und Elastinfasern werden von den Fibroblasten, die sich in den Faszien befinden, produziert. Die Fibroblasten können untereinander und mit anderen Zellen kommunizieren. Dies geschieht über Enzyme und entsprechenden Botenstoffe, die sie produzieren.

Fibroblasten unter dem Fluoreszenzmikroskop

Fibroblasten unter dem Fluoreszenzmikroskop


Wässrige Grundsubstanz

Fibroblasten, Kollagen- und Elastinfasern schwimmen in einer nähstoffreichen Flüssigkeit, der Grundsubstanz. In der Flüssigkeit befinden sich außer Wasser, Zuckermoleküle, Immun(Abwehr)-, Lymph-, Fettzellen, Nervenendigungen, Blutgefäße (Arterien & Venen) und diverse andere Partikel.

Der Liquor (Flüssigkeit im Gehirn und Rückenmark) sorgt außerdem für ein Gleiten der Faszien.

Die Grundsubstanz sorgt durch den hohen Flüssigkeitsanteil für Bewegung und Beweglichkeit. Faszien haben eine hohe Wasserbindefähigkeit und wirken deshalb wie ein Wasserspeicher

Alle vier Bestandteile zusammen werden auch als Matrix betitelt. Die Matrix ist entscheidend für die Ver- und Entsorgung unserer Gewebe.

Nur wenn alle Bausubstanzen zusammen agieren, kann ein reibungsloses Arbeiten der Faszien funktionieren. Stabilität, Elastizität und Gleitfähigkeit sind dann möglich.



NERVENZELLEN IN DEN FASZIEN

Forscher haben herausgefunden, dass sich im faszialen Gewebe auch Nervenzellen und Rezeptoren zur Sinneswahrnehmung befinden, weshalb es nun als 6. Sinn definiert werden kann. Die Annahme, dass Faszien reines „Verpackungsmaterial“ ist, konnte widerlegt werden. 

Viele Forscher definieren mittlerweile die Faszien als ein eigenes Organ, und zwar das größte Organ in unserem Körper. Die Haut, die uns „nur umhüllt“ musste auf Platz 2 weichen. 

 


FASZIEN-SCHICHTEN

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Oberflächliche Faszien

  • im Unterhautgewebe, vermischen sich mit der Lederhaut (Dermis)

  • bestehen hauptsächlich aus lockerem Bindegewebe und Fettgewebe.

  • Häufig als Cellulite benannt

Aufgaben:

o   bietet dem Körper Schutz

o   umgibt Organe, Drüsen und neurovaskuläre Leitbahnen

o   Füllgewebe für freie Stellen im Körper

o   speichert Fett und Wasser

o   Durchgang für Lymphflüssigkeit, Nerven und Blutgefäße

o   Puffer und Dämpfer



Tiefe Faszien

  • dicht & faserreich

  • viele Kollagenfasern —> hohe elastische Zugspannung

  • hier liegen viele Schmerzrezeptoren

Aufgaben:

o   umhüllen und durchdringen Knochen, Knorpelgewebe Nervenbahnen und Blutgefäße

o   je nach Belastung wird das Gewebe dicker und wandelt sich teilweise zu Bändern, Gelenkkapseln, Muskelsepten etc um

o   umhüllen Muskelfasern, -bündel und den gesamten Muskel


Viszerale Faszien

  • liegen um die Organe herum und werden von den festen Kollagenfasern zum Schutz eingebettet und aufgehängt. Jedes Organ besitzt eine doppelwandige Faszienmembran, die je nach Organ einen anderen Namen hat.

  • Bsp.: Bauch- und Brustfell

  • Hirnhaut

  • Herzbeutel

 

Ich hoffe, wir konnten dir einen Eindruck geben, was Faszien sind und warum wir so fasziniert von dem sechsten Sinn sind ;)

Möchtest du wissen wie viel Wasser die Faszien brauchen um gut zu funktionieren oder insgesamt mehr über Faszien erfahren, dann schau doch mal bei unseren anderen Faszien-Artikel vorbei.